(Hungers-)not macht erfinderis...

„Grrrrr!“ „Grrrrr!“ „Grrrrrrrrrrrr!“ Karl wachte in seinem Dachzimmer in einem kleinen Fachwerkhäuschen in Erfeld auf. „Grrrrr!“ - noch einmal hörte er es ganz deutlich. Wie hätte er sich gefreut, wenn das Geräusch von einem kleinen Hundchen oder einem schnurrenden Kätzchen gekommen wäre, aber nein… es war wieder einmal sein Magen, der so laut knurrte, dass Karl davon sogar aufgewacht war. Das passierte ihm in letzter Zeit häufiger. Er lauschte in die Dämmerung hinein. Er hörte die Schritte seiner Mutter in der Küche. Ob sie wohl das Frühstück richtete? Er spitzte seine Ohren. Die Mutter feuerte offensichtlich den Herd an. „Hoffentlich bekommen ich und meine Geschwister heute etwas zu essen – so ein bisschen Rührei, vielleicht mit einer dünnen Scheibe Speck? So wie früher – das wäre mal wieder toll“, murmelte er vor sich hin. „Aber auch nur eine Scheibe Brot…“, dachte er hoffnungsvoll. Seit Wochen schon hatten seine Familie, seine Freunde und Nachbarn nicht viel zu essen. Drei Mahlzeiten am Tag? Das gab es schon lange nicht mehr. Karl stand auf und zog sich an. Seine Hose war so weit, dass sie geradewegs an ihm herunterfiel. „Wo hab ich denn meine Hosenträger?“, fragte Karl sich selbst und schaute überall im Zimmer herum. „Ah! Da sind sie ja!“ Er war in den letzten Wochen immer dünner geworden. In der Schule fiel es ihm mittlerweile schwer, der Lehrerin zuzuhören, weil er solchen Hunger hatte, obwohl seine Familie nicht arm war. Aber da war er nicht der einzige.

Eigentlich konnten er, seine Eltern und die fünf Geschwister von dem angebauten Getreide auf ihren Feldern gut leben. Dieses Jahr regnete es jedoch so viel, dass das Getreide einfach nicht wachsen und reifen wollte. Aber für die schwere Arbeit auf dem Feld hätte er sowieso keine Kraft gehabt. Klar hatten auch sie schon gehört, dass es anderswo bessere Böden gab, auf denen man leichter Getreide anbauen konnte, aber sie kannten es nicht anders und so bauten sie wie alle Bauern in der Gegend Dinkel an.

„Karl? Bist du schon wach? Karl? Du musst aufstehen!“, hörte er seine Mutter nach ihm rufen. Er öffnete die Türe und antwortete: „Ja, Mutti, ich komme!“ Für heute hatte er eine wichtige Mission: Er würde sich nicht auf dem Feld plagen müssen, sondern nach Gerichtstetten laufen und hoffentlich die Lösung für das Hungerproblem seiner Familie finden.

Gestern hatte er nämlich den alten Männern auf der Straße zugehört. Wenn er richtig verstanden hatte, erzählten sie von einem „Grünkern“. Weil es so viel geregnet hatte, hatten manche Bauern im Nachbardorf den Dinkel schon geerntet, noch bevor er reif war, damit er durch den vielen Regen nicht kaputt gehe. Den hatten sie dann einfach im Backofen getrocknet, damit er nicht schimmeln würde. Aber das Beste daran war: man könne ihn essen! Einer der Männer hatte erzählt: „Meine Frau hat das Korn dann in der Handmühle klein gemahlen, ein bisschen in Schmalz angedünstet und dann als Suppe gekocht. Das war dermaßen lecker! Ich hätte ja echt nicht gedacht, dass meine Lina so was zaubern kann – nachdem wir die letzten Wochen solchen Hunger hatten!“ Als Karl das gehört hatte, war er gleich nach Hause gelaufen, um diese Neuigkeit seinen Eltern zu erzählen. Sie konnten es nicht glauben! Falls dies wirklich stimmte, mussten sie das auch ausprobieren, und zwar so schnell wie möglich! Denn auch sie machten sich Sorgen, dass ihre Dinkelernte durch den Regen komplett zerstört würde. Karl und seine Geschwister waren so aufgeregt. Vor allem Karl wäre am liebsten gleich gestern noch losgelaufen, aber seine Mutter hatte gesagt: „Es ist schon spät, du kannst den Hin- und Rückweg nicht mehr bei Tageslicht schaffen und wenn die Straßen so matschig sind, nicht dass dir noch etwas passiert.“ Und deshalb wollte er heute ganz früh losgehen. Ein Rührei und Speck bekam er natürlich nicht und auch seine Scheibe Brot sparte die Mutter, aber sie gab ihm ein extra großes Stück Käse für den Weg mit. „Wenn du also dann zu meiner Schwester kommst,“ sagte die Mutter, „dann frag zuerst, wie es ihnen geht. Fall nicht gleich mit der Türe ins Haus. Grüße sie recht lieb von uns, sag, wenn wieder bessere Zeiten sind, dann laden wir sie auch wieder einmal zu uns ein.“ „Ja, Mutti, ich grüße zuerst Tante Frieda von euch, frage, wie es ihr und ihrer Familie geht und horche sie dann über ihr grünes Korn aus, ob es das wirklich gibt oder ob der Bauer gestern geschummelt hat. Aber Rezepte kann ich mir keine merken, das weißt du, oder?“ Die Mutter drückte Karl einen Kuss auf die Stirn und schob ihn behutsam aus der Türe. „Mach dir keine Sorgen, in der Küche bin ich dann kreativ!“, rief sie ihm nach.

Karl lief also die drei Kilometer nach Gerichtstetten an der matschigen Straße entlang, weil es damals noch keine geteerten Straßen und schon gar nicht den Fahrradweg gab. Aber da es auch noch keine Autos gab, sondern nur mit Pferdewagen gefahren wurde, war es auch nicht so gefährlich.

Als er endlich bei seiner Tante ankam, roch es ganz ungewohnt rauchig aus der Küche. „Schön, dass du da bist, Karl!“ sagte sie, „ich hoffe es geht euch gut!? Du siehst dünn aus!“ „Ich soll dich schön grüßen von Mutti und den anderen.“ „Das ist lieb von dir. Ich bin gerade am Kochen, möchtest du nachher mitessen? Ich probiere gerade verschiedene neue Rezepte aus. Habt ihr auch schon von dem „Grünkern“ gehört?“, fiel jetzt die Tante mit der Türe ins Haus. „Äh, ja, Tante, deswegen bin ich eigentlich zu dir gekommen!“ antwortete Karl. „Gibt’s das wirklich?“ „Ja sicher! Aber setzt dich doch. Ich habe leider keine Zeit mich zu dir zu setzen. Oder stell dich zu mir. Wenn es dich nicht stört, dass ich hier am Herd weiter den Grünkern wende, erzähle ich dir gern, was ich darüber weiß“, lächelte die Tante.

„Also, der Heinrich, der hier gleich ums Eck wohnt, der hatte Sorge, dass der viele Regen seinen Dinkel kaputt macht. Er wollte nicht, dass das Korn am Halm verschimmelt und hat deswegen vor ein paar Wochen, als es mal die zwei, drei Tage nicht geregnet hat, einen Teil seines Dinkels geerntet. Die anderen haben ihm ganz schön den Vogel gezeigt, kannst du dir vorstellen. Aber Heinrich hat sich nicht beirren lassen und hat seinen Dinkel eingefahren. Die Maria, seine Frau, hat immer wieder gesagt, dass sie sich Sorgen mache, dass der Dinkel auch geerntet schimmeln könnte, weil doch noch viel Wasser im Korn sei. Und dann hat einer von den beiden die Idee gehabt, das Korn wie feuchte Handtücher über das Feuer zu hängen und zu trocknen. Gesagt, getan. Die erste Runde ist dabei böse verbrannt, weil die Pfanne auf dem Herd zu heiß wurde, aber dann hat die Maria das Korn während des Trocknens immer gewendet und nichts ist angebrannt.“ Mittlerweile hatte die Tante den Grünkern fertig gedörrt oder wie man besser sagt, gedarrt, und eine Suppe daraus gekocht, so wie der Mann auf der Straße am Abend vorher erzählt hatte. Die ganze Familie saß um den großen Suppentopf und jeder schöpfte sich so viel, wie er nur essen konnte. Auch Karl bekam einen Teller voll, so voll wie er es schon lange nicht mehr erlebt hatte. Karl war ganz gespannt, wie der Grünkern wohl schmecken würde. Vorsichtig probierte er, aber schon bald löffelte und löffelte er und konnte gar nicht aufhören. Zugegebenermaßen hätte Karl nicht sagen können, ob es der unbekannte, rauchige, vielleicht auch etwas nussige Geschmack war oder ob er einfach nur so sehr Hunger hatte und so glücklich war, sich satt essen zu dürfen, jedenfalls fand er die Suppe richtig lecker! Die Tante schöpfte jedem wie er wollte nach, sie hatte so viel Grünkern gedarrt, dass sie nicht darauf achten musste, dass jeder etwas abbekam, nein, es war sogar noch Suppe übrig!

Die Zeit verging wie im Flug. Gut gestärkt konnte sich Karl auf den Heimweg machen, um seinen Eltern alles über den „Grünkern“ zu erzählen. Er kannte sich ja jetzt sehr gut mit diesem „Grünkern“ aus. Und seine Eltern könnten schon am nächsten Morgen mit der Ernte auf ihrem Feld beginnen.

Als Karl zuhause ankam, wurde er schon von der gesamten Familie ganz gespannt erwartet. Als er berichtete, dass es diesen „Grünkern“ tatsächlich gebe, brach ein lauter Jubel los. Karl erzählte von der leckeren Suppe, die die Tante gekocht hatte, und davon, wie sie das Korn auf dem Herd „darrte“. Mit erhobenem Zeigefinger erklärte er belehrend: „Man kann den Grünkern zwar nicht vom Feld direkt zur Mühle zum Mehlmahlen bringen wie den reifen Dinkel, aber immerhin ist der gedarrte Grünkern essbar. Wichtig ist auch, dass man den unreifen Dinkel, etwa vier Wochen bevor er reif wird, erntet und ihn gleich im warmen Backofen trocknet. Allerdings kann man ihn nicht allein backen lassen, wie einen Kuchen“, zitierte er seine Tante, „sondern muss ihn ständig wenden, damit er nicht verbrennt – und das über 3-4 Stunden!“ So hielt der „Grünkern“ Einzug in die Küchen der Region. Not macht eben manchmal erfinderisch.

Dass der Grünkern in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten weit über unsere Region hinaus bekannt werden sollte, konnte damals noch keiner wissen. Immer mehr Menschen, sogar im Ausland wollten Grünkern essen. Das freute die Menschen in unsere Region, dem Bauland, weil sie durch den Anbau von Grünkern nicht nur ihren eigenen Hunger stillen, sondern auch noch zusätzlich Geld mit dem Grünkernverkauf verdienen konnten. Allerdings wurden damit auch bald ihre eigenen Backöfen zuhause für das Trocknen des Grünkerns zu klein. Daher entstanden bei uns in der Region sogenannte Grünkerndarren: das ist ein Backofen so groß wie eine Hütte, der von unten befeuert wird. Hier in Erfeld gibt es eine, die sogar noch genutzt werden kann. Wegen der Feuergefahr wurden die Darren am Ortsausgang platziert. Ihr könnt sie neben dem Spielplatz direkt am Fahrradweg finden. Mal sehen, ob euch die einfache Hütte überhaupt auffällt. Da das Wenden richtig schwere Arbeit ist, wird der Grünkern heute in Fabriken verarbeitet.

Dinkel wurde früher zwar auch in anderen Gegenden angebaut, allerdings hat sich die Erzeugung von „Grünkern“ nur hier bei uns im Bauland so durchgesetzt, was es zu einer Besonderheit unsere Gegend macht. Wie du siehst, sollte man hier in der Region, also als Bauländer, schon ein oder zwei Grünkernlieblingsrezepte für Besuch aus Nah und Fern verfügbar haben.

Hast du selbst eigentlich schon einmal Grünkern probiert? Neben dem Geschmack ist das Besondere am Grünkern, dass er leicht verdaulich und vitamin- und mineralstoffreich ist. Heute kennen wir nicht nur die Grünkernsuppe, sondern vieles mehr. Vielleicht kennst du außer der Grünkernsuppe noch weitere Speisen mit Grünkern. Nein? Dann recherchiere doch mal ein Rezept oder sei wie Tante Frieda kreativ und überrasche deine Eltern. Mal sehen, ob sie wissen, wie viele unterschiedliche Gerichte man aus Grünkern zaubern kann. Es gibt z.B. Grünkernküchle, Grünkernkuchen, Grünkern-Lasagne, Grünkernbolognese und sogar Grünkernkekse 😊.

Nicht alles an der Geschichte ist so passiert. Könnt ihr erraten, was nicht?

  1. Man weiß nicht, wer den Grünkern wo „erfunden“ hat. Aber dass der Dinkel wegen des weniger günstige Klimas häufig nicht ausreifte, das ist eine Tatsache.