Ritter Wolf und der verlorene Gang
Schaut euch einmal um: Vor euch seht ihr das Schloss des Ritter Wolf von Hardheim und seiner Frau Margarete von Berlichingen. Sie hatten das Schloss für sich und ihre Kinder und die vielen Angestellten im Jahr 1561 gebaut. Wenn ihr euch jetzt nach rechts umdreht, dann seht ihr den Alten Kindergarten, der zur Zeit von Ritter Wolf noch nicht dastand, hier war nur ein großes Tor mit Zinnen, der Eingang zum Schloss-Bezirk. Aber das lachsfarbene Gebäude mit der großen Außentreppe, das stand sogar schon, als das Schloss gebaut wurde. Es ist das älteste Gebäude in Hardheim. Es heißt der Marstall und war, wie sein Name schon sagt, der Pferdestall. Der lag im Erdgeschoss. Im Obergeschoss gab es Zimmer für die Gäste der Ritterfamilie.
Das lange Gebäude gleich daneben ist die Zehntscheuer. Das heißt so, weil die Bauern den Zehnten Teil von allem, was sie z.B. auf dem Feld geerntet hatten, an den Ritter abgeben mussten, also von 10 Säcken Mehl erhielt der Ritter einen als Steuer dafür, dass er seine Bauern z.B. vor Räubern beschützt hat. Seht ihr auch den großen Stein, das kleine Fenster und die Tür links vor der Zehntscheuer? Hinter der Tür war früher das Gefängnis und durch das Fenster wurde Brot und Wasser gereicht. Am Eisenring auf dem großen Stein wurden früher die Gefangenen angebunden und jeder, der vorbeikam, durfte sie auslachen oder beschimpfen.
Dort wo jetzt die alte Realschule steht, stand zu Zeiten Ritter Wolfs nur eine Scheune. Der Schlossplatz, auf dem ihr euch befindet, war sehr wahrscheinlich nicht mit Steinen gepflastert, sondern aus Erde und Wiese.
Der Garten um das Schloss heißt heute Alpengarten, war aber früher ringsum von einer Mauer umgeben und konnte daher mit Wasser gefüllt werden. Dann konnte man das Schloss nur über eine Brücke – genau genommen eine Zugbrücke – erreichen. Wenn man diese hochzog, war kein Durchkommen mehr möglich und der Ritter mit seinem Gefolge war vor Angreifern geschützt.
Allerdings konnten die Bewohner das Schloss dann auch nicht mehr verlassen. Damit sie überleben konnten, hatten sie vorgesorgt: das Schloss verfügte über einen eigenen Brunnen zur Wasserversorgung, eine große Speisekammer und ganz viel Wein (ca. 95.000Liter!!).
Und jetzt schließt Eure Augen und stellt Euch vor, es ist früh morgens an einem sonnigen Tag vor vielen hundert Jahren. --- Es riecht nach Heu. --- Alles ist still, nur ein paar Vögel zwitschern in den Bäumen, alles schläft --- außer Friedhelm, der Pferdewirt. Er stolpert noch ganz verschlafen mit zerzausten Haaren aus der Türe des Marstalls. „Uuuaaah!“, gähnt er, dann verschwindet er in der Türe der Zehntscheuer. Kurz darauf kommt er wieder mit einem großen Bündel frischem Heu. Er trägt es zum Marstall, um die Pferde zu füttern. Besonders ein Pferd braucht heute ordentlich Futter, es ist Bernhard, der große dunkelbraune Hengst des Ritter Wolf. Als Friedhelm an Bernhards Box kommt, wiehert dieser schon ganz aufgeregt. „Ist ja schon gut, Brauner“, sagt Friedhelm, „du kannst es wohl kaum erwarten mit Ritter Wolf nach Mainz zu kommen? Das kann ich mir denken, so eine große Stadt und beim Fürstbischof ist es bestimmt auch mega. Ich würde mich das ja nicht trauen, zu unserem Lehnsherrn zu gehen, um mit ihm über die politischen und religiösen Veränderungen in unserem Land zu sprechen. Der Bischof, unser Lehnsherr, ist ja so was wie unser politischer Chef. Und dann noch um Erlaubnis fragen, ob man hier in Hardheim vom katholischen zum evangelischen Glauben wechseln dürfe, das ist echt ein mutiges Vorhaben. Ich hätte ja an Ritter Wolfs Stelle nicht auf Frau Margarete gehört, ich hätte es wohl eher wie Wolfs Ritterfreunde gemacht und gar nicht lange gefragt. Aber wenn der Herr das so machen will, beten wir, dass es gut ausgeht.“
In der Zwischenzeit hatte Bernhard ein Riesenportion Heu gefressen und sah sehr schick aus mit seinem gestriegelten Fell und seinen geflochtenen Strähnen an der Mähne. Nun fehlte nur noch der bequemen Sattel, denn sein Herr, Ritter Wolf, war mindestens 3 Tage auf dem Rücken des Pferdes nach Mainz unterwegs. Friedhelm war mit seiner Arbeit lange schon fertig, hatte Bernhards Mähne und Schwanz schon vier Mal gebürstet, als er bei sich dachte: „Wo bleibt denn nur Ritter Wolf?“ Er führte Bernhard aus dem Stall auf den Schlosshof und stellte erschrocken fest, dass noch nicht einmal die Zugbrücke heruntergelassen war. „Hallo! Hallo! Hört mich jemand?“, rief er über den Wassergraben, als sich ein Fenster öffnete und Richard, der Torwärter, seinen Kopf herausstreckte. „Sag mal, schlafen denn alle noch? Oder warum ist die Brücke noch nicht unten?“ „Geht nicht, klemmt!“, murrte Richard. Alle im Schloss waren auf den Beinen, Männer, Frauen und sogar die Kinder. Jeder probierte die Zugbrücke zu öffnen, aber sie bewegte sich keinen Zentimeter. Nun war guter Rat teuer. Sie brauchten einen Schmied. Aber der kam nicht ins Schloss, denn schwimmen konnte er nicht und selbst wenn sie ein Boot gehabt hätten, wäre er nicht durch das Tor gekommen.
Zwischenzeitlich hatte sich das Missgeschick im ganzen Ort herumgesprochen und viele Hardheimer waren zum Schlossplatz geströmt, um sich das Spektakel anzuschauen. Klar musste man keine Angst haben, dass die Leute im Schloss verhungern und verdursten, genug von allem hatten sie ja vorrätig, aber sowas gab es noch nie!
Auf dem Schlossplatz war auch die alte Kunigunde, die immer richtig gute Geschichten von früher erzählen konnte, die diese schon von ihrer Oma gehört hatte. Sie wunderte sich, warum der Ritter nicht einfach den unterirdischen Gang zur alten Unteren Burg nahm. Auf demselben Wege könnte dann auch der Schmied in das Schloss gelangen. „Ein unterirdischer Gang vom Schloss zur Burg?“ Das hatte man in Hardheim ja noch nie gehört! „Ein Geheimgang mitten durch Hardheim! Das wird ja immer besser“, dachten die Leute. Wo dieser genau lag, wusste Kunigunde klar nicht, sie war ja noch nie im Schlosskeller gewesen, aber der Ritter und seine Knechte durchsuchten den Keller auf gut Glück und die Hardheimer machten sich, mit Spaten und Schaufeln bewaffnet, bei der unteren Burg auf die Suche nach …………..hm……… naja…..…nach was eigentlich? Einer Tür im Boden vielleicht?
Im Schloss hatte man unterdessen alte Eimer, Körbe und Säcke herumgehoben, die Kartoffeln auf die andere Seite umgelagert, sogar die Weinfässer wurden zur Seite gerollt. Und tatsächlich, lange nach dem Mittagessen fanden sie unter einer uralten Truhe ganz hinten im Keller eine Falltür im Boden des Schlosses. Um sie zu öffnen, brauchten sie vier Männer, so schwer war sie. Als sie endlich offen war, führten ganze 14 Stufen in die Erde. Der Ritter und seine Knechte zündeten ihre Fackeln an und gingen Schritt für Schritt durch die Dunkelheit. Es war ein sehr enger Gang, der an den Seiten von Holzbalken gestützt wurde. Überall waren Spinnweben, man hörte die Mäuse piepsen und es roch modrig. Aber das alles konnte den mutigen Ritter Wolf nicht davon abhalten voranzugehen. Er schwang sein Schwert kreuz und quer durch die Luft, um die Spinnweben zu teilen. In der anderen Hand hob er seine Fackel, um Hindernisse am Boden zu erkennen. Seine Knechte folgten ihm vorsichtig. Er war sicher schon 100 Schritte gegangen, als er seinen Augen nicht traute: Wirklich, da waren wieder Stufen, die dieses Mal nach oben führten, und an ihrem Ende wieder eine verschlossene Falltür!
Die Hardheimer an der Unteren Burg hatten also noch nicht den Eingang gefunden. Der Ritter und seine Knechte lehnten sich mit aller Kraft dagegen. Aber außer etwas ruckeln passierte nichts. Also klopfte Ritter Wolf kräftig mit der Rückseite seiner Fackel gegen die Tür und rief laut: „Hallo! - Hallo! – hier müsst ihr suchen, hier ist die Türe! Hallo! Könnt ihr mich nicht hören?“. Es dauerte nicht lange und dann hörte er Stimmen und Kratzen. Es schien, als ob die Hardheimer draußen zu graben begannen. Die Tür wurde geöffnet und die frische Luft strömte dem Ritter und seinen Knechten um die Nase! Was für eine Freude! Sie hatten es geschafft! Jubelnd umarmten sich alle. Der Schmied konnte durch den Gang zum Schloss. Aber auch alle anderen wollten sich den neuen, nun nicht mehr geheimen Gang anschauen.
An den Ritt nach Mainz war jetzt nicht mehr zu denken, das sah auch Margarete ein. Stattdessen hatte sie eine andere Idee: „Wenn der Schmied die Zugbrücke repariert hat, machen wir ein großes Fest!“, verkündete sie.
Und so kam es, dass 1558 in der Kapelle im Wald bei Dornberg der erste evangelische Gottesdienst in Hardheim stattfand, weil der Ritter Wolf in dieser „Kappel“ nicht seinen Lehnsherr um Erlaubnis fragen musste. Die Kappel gibt es immer noch. Sie hat zwar kein Dach mehr, aber dafür sieht man die Bäume und den Himmel über sich. Wirklich schön, da müsst ihr mal vorbeischauen!
Übrigens: wenn ihr auch mal im Gefolge des Ritter Wolf sein wollt, dann kommt an Fasching nach Hardheim. Da packen wir Hardheimer dank Ritter Wolf alle unsere Wolfskostüme aus und ziehen hinter unserem Ritterpaar beim Faschingsumzug durch die Straßen.
Nicht alles an der Geschichte ist so passiert. Könnt ihr erraten, was nicht?
- Es wurde kein Nachweis gefunden, dass die Zugbrücke jemals geklemmt hat und dass Ritter Wolf seinen Lehnsherren wegen des Glaubenswechsels fragen wollte - auch nicht seine Frau. Außerdem stand das heutige Schloss noch nicht, sondern ein Vorgängermodell, als in Hardheim die Reformation eingeführt wurde.
- Man erzählt sich zwar immer noch von dem Geheimgang zwischen Unterer Burg und Schloss. Er wurde aber heute nicht mehr gefunden. Da die beiden Schlösser zusammengehörten, kann man einen Gang vermuten. Doch man hätte über 6 Meter unter dem Wassergaben durchgraben müssen, damit der Gang nicht durch das Gewicht des Wassers zusammenbricht, aber schon ca. 2 Meter unter dem Wassergraben ist purer Fels. Vielleicht bestand ja ein Gang zwischen Unterer Burg und dem Vorgängerbau des Schlosses.
- Zu Zeiten Ritter Wolfs stand die Zehntscheuer, die heutige Erftalhalle noch nicht. Stattdessen standen dort Wirtschaftsgebäude des Schlosses, somit konnte Friedhelm nicht das Heu von der Zehntscheuer zum Marstall tragen.