Die 5 von der Baustelle...
Hier, in Hardheim, bei der Firma Leiblein, wurden 1992 tatsächlich in ca. 245 Millionen Jahren alten Gesteinen Saurierspuren entdeckt. Insgesamt zehn Fährtenzüge wurden gefunden, was in Deutschland etwas Besonders ist. Die Wissenschaftler fanden Fußspuren von fünf unterschiedlichen Saurierarten. Zusätzlich fanden sie noch eine Muschelart, die nur in Küstenregionen vorkam, d.h. also wo ihr Euch gerade befindet, war früher als die Saurier lebten kein Stein, sondern Sand und Schlamm. In der Gesteinsformation, die zum Zeitalter der Trias gehört, hat man schon häufig versteinerte Fußspuren gefunden.
- Ja, richtig gehört! Wenn ihr also Glück habt und wisst wie, kann es gut sein, dass auch ihr noch Fußspuren von Sauriern in Hardheim findet!
- Das wollt ihr mal probieren? Wisst aber nicht nach was ihr Ausschau halten müsst?
- Außerdem wollt ihr wissen, wie die Saurier aussahen, die in Hardheim ihre Fußspuren hinterlassen haben.
Dann wollen wir mal sehen, ob wir euch helfen können, zu kleinen Saurierfährtensucher und -leser zu werden?!:
Wie bitte? In Hardheim gab`s mal Saurier?
Und ob! Beim Bau einer neuen Halle der Firma Leiblein in Hardheim im Oktober 1992 entdeckte Willi Hollerbach versteinerte Fußspuren von Sauriern. Er meldete diesen Fund beim Stuttgarter Museum für Naturkunde, die direkt einen Wissenschaftler und den Fährtenforscher Frank-Otto Haderer nach Hardheim schickten. Insgesamt neun Leute suchten nach weiteren Fußabdrücken. Auf einer Karte wurde festgehalten, wo und wie groß die gefundenen Fußabdrücke sind. Dafür mussten bis zu 20 cm dicke Gesteinsplatten hochgehoben werden. Wie ihr euch vorstellen könnt, waren die schwer. Daher lieh ihnen der Hardheimer Bürgermeister sogar den großen Schaufellader des Bauhofs. Auf einer Fläche von 15m x 6m fand die Gruppe nicht nur unterschiedliche versteinerte Fußspuren von fünf Saurierarten, sondern diese fünf hinterließen auch noch jeweils mehrere Fußspuren. So konnte man sogar erkennen, welcher Saurier, welchen Weg gelaufen ist. Man nennt das auch einzelne Fährtenzüge. In Hardheim hat man zehn Fährtenzüge der Saurier gefunden1, was in Deutschland selten vorkommt und eine Besonderheit unter den Fährtenfunden von Sauriern darstellt.2
TODO EINZELNE BILDER
Warum fand man bei uns Fußspuren von Sauriern?
Zusätzlich zu den Saurierspuren fand man auch eine versteinerte Muschelart3, die nur in Küstenregionen zuhause war. Als die Saurier früher hier gelebt haben, kann man daher davon ausgehen, dass dort, wo sich heute die Halle der Firma Leiblein befindet, früher eine Küstenregion des Rötmeeres war. Der Bundsandstein, auf dem dieser Teil Hardheims heute steht, war also zu dieser Zeit noch kein Stein, sondern Sand und Schlamm. Die Saurier sind also durch den feuchten Schlamm gelaufen und haben ihre Fußabdrücke hinterlassen. Ähnlich wie bei einer Pfütze nach dem Regen ist dieser Schlamm dann erst ausgetrocknet und hart geworden. Bevor Wasser und Wetter die Spuren wieder bespülen konnten, haben sich die Spuren mit nassem Sand4 gefüllt, der sich dann über Millionen Jahre durch den Druck der überlagernden Schichten zu Sandstein verfestigte. Durch die Grabungen in der Erde zum Bau der Halle der Firma Leiblein kamen sie dann wieder zum Vorschein.
Doch woher wusste Willi Hollerbach, dass er an der Baustelle bei der Firma Leiblein nach Saurierspuren suchen musste?
Sein Sohn, Dr. Rolf Hollerbach, ist Diplom-Mineraloge und kennt sich daher ausgezeichnet mit allen Arten von Steinen und Gesteinsschichten aus und weiß auch, wo diese in Deutschland zu finden sind. Sein Heimatort Hardheim wurde teilweise auf Buntsandstein gebaut. In dieser Gesteinsformation (speziell in dem an der Baustelle angetroffenen Rötquarzit) hat man schon häufig versteinerte Fußspuren gefunden. Nachdem er vom Bau der Halle bei der Firma Leiblein erfahren hat, bat er seinen Vater, dort während der Grabungen Ausschau zu halten. Gesagt, getan! Nur, nach was musste er eigentlich Ausschau halten? Denn auch wenn man weiß, in welchem Gestein sich vielleicht Überreste von Sauriern verbergen könnten, ist es nicht einfach, sie auch zu erkennen. Ggfs. sind sie nicht vollständig oder sehen vielleicht auch nicht so aus, wie die Fußabdrücke, die wir von heute lebenden Tieren kennen.
Oder erkennt ihr hier einen Fußabdruck? Und würdet ihr ihn auch erkennen, wenn ihr irgendwo zufällig über eine große Steinplatte lauft?
Falls ja, und falls ihr mal welche finden solltet: nicht vergessen, sie beim staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart zu melden.
Genau genommen handelt es sich hier um das Negativ des Fußabdrucks, also um den versteinerten Sand, der sich in den Fußabdruck gedrückt hat.
Kommt man von den versteinerten Fußspuren auf den Saurier, der diese verursachte?
Wie ihr seht, ist es schon nicht ganz einfach die Fußspuren zu finden. Und wenn man sie dann gefunden hat, würde man natürlich auch gerne wissen, wer derjenige war und wie er aussah.
Das ist, wie ihr euch vorstellen könnt, nicht einfacher. Viele Wissenschaftler über die ganze Welt verteilt vergleichen gefundene Skelette und Fußspuren miteinander und tauschen sich aus.
Wollt ihr mal probieren ein Wissenschaftler zu sein? Könnt ihr euch vorstellen, von wem der folgende Fußabdruck stammen könnte? Saurier, Krokodil oder von einem Dinosaurier, vielleicht sogar von einem T-Rex höchst persönlich?
Wie ihr aus dem oberen Bild vielleicht erkennt, sieht der darauf abgebildete Fußabdruck einer Hand etwas ähnlich. Als diese Fußabdrucksart das erstmal gefunden wurde, wurde sie daher „Handtier“ (Chirotherium) genannt.5 Zwei der in Hardheim gefundenen Fußspuren konnten die Wissenschaftler den Fährten mit den wissenschaftlichen Namen Chirotherium sickleri und Chirotherium barthi zuordnen. Und ja, ihr habt richtig gehört: in der Sprache der Wissenschaftler haben sogar die Fußspuren eigene Namen. D.h. die Fußspur heißt anders als der Saurier, der sie erzeugt hat, weil man den Saurier nie wirklich genau kennt.
Nachdem man die Spuren nun untersucht hat, geht man davon aus, dass das die Füße von fortschrittlichen Rauisuchier waren, die wiederum zu den Vorfahren der Theropoden zählen. Wer kennt den wohl berühmtesten Saurier aus der Gruppe der Theropoden?
Richtig, der Tyrannosaurus. Der lebte aber ca. 160 - 170 Mio. Jahre später als die Hardheimer Saurier und zählt bekanntlich zu den Dinosauriern. Die Hardheimer Saurier sind deren Vorfahren, lebten vor ca. 245 Millionen Jahren und gehören somit nicht zu den Dinosauriern.
Die Arbeit der Wissenschaftler lässt sich an dem Beispiel des Hardheimer Chirotherium sickleri gut beschreiben. Denn bei diesen Fußspuren gehen die Wissenschaftler davon aus, dass es sich sehr wahrscheinlich um die gleiche Saurierart handelt, wie bei einem Saurierfund in Waldshut im Schwarzwald. Dort fand man nämlich Fußabdrücke neben Skeletteile des Sauriers Ctenosauriscus, welche man mit den Hardheimer Fußabdrücken verglichen hat und so viele Ähnlichkeiten entdeckte, dass die Forscher von der gleichen Saurierart ausgehen. Mit Hilfe der Skelette aus dem Waldshuter Fund hatte man nun noch zusätzlich zu den Fußspuren weitere Informationen, um eine Zeichnung vom Chirotherium sickleri anzufertigen.6
Aber wie sahen denn nun die Hardheimer Saurier konkret aus?
In Hardheim fand man keine versteinerten Skelette, sondern ausschließlich versteinerte Fußspuren von fünf unterschiedlichen Saurierarten.
Auch für Wissenschaftler ist es nicht einfach, von Fußspuren auf das Tier zu schließen, das diese erzeugt hat. Wenn sie neue Informationen über Saurier erhalten, weil z.B. jemand neue Fußspuren oder Skelette gefunden hat, müssen sie ggfs. ihre bisherigen Annahmen überarbeiten.
So kann es wie in Hardheim zu Beginn der Ausgrabung vorkommen, dass die Wissenschaftler unterschiedliche Meinungen vertreten. So ging z.B. einer der Wissenschaftler des Naturkunde Museums in Stuttgart anfangs noch davon aus, dass es sich bei den Hardheimer Spuren um den Mastrodonsaurus, einen Urluch mit bis zu vier Metern Länge7, handelte. Später bestätigten sie aber den Verdacht auf Saurierspuren von Dr. Rolf Hollerbach8 und Herrn Haderer. Denn 1995 wurde folgendes Bild von den Hardheimer Sauriern, die sich nur in der Größe unterscheiden sonst aber alle relativ ähnlich aussahen, rekonstruiert:
Sie fanden also Spuren von Chirotherium sickleri, Chirotherium barthi, Isochirotherium felenci und Rhynchosauroides. Die Spuren des fünften Sauriers waren nicht mehr gut zu erkennen und konnten somit keiner Art zugeordnet werden.9
Wahrscheinlich stammen die Isochirotherium felenci-Fährten von einem Rauisuchier ähnlich Decuriasuchus. Rauisuchier waren sehr fortschrittliche Pseudosuchier („Scheinkrokdile“), welche aber im Gegensatz zu den Krokodilen von heute, ihre Beine unter und nicht neben dem Körper hatten.10
Die Rhynchosauroides-Fährten könnten von mehreren Lepidosauriern sein. Diese Tierart war wohl die Kleinste der vier erkennbaren Spuren.11
Nachdem die Wissenschaftler dann drei Jahre später die Knochen vom Waldshuter Ctenosauriscus genauer untersucht hatten, glauben sie nun, dass er ein Segel auf dem Rücken hatte. Da der Hardheimer Chirotherium sickleri wahrscheinlich die gleiche Saurierart war, ergibt sich für ihn dadurch folgendes Bild:
Übrigens hatte wahrscheinlich auch der Chirotherium barthi aufgrund der Verwandtschaft zum Chirotherium sickleri ein Segel auf dem Rücken, konnte aber noch nicht auf zwei Beinen laufen12, war grösser, massiver und nicht so schlank.13
Sind ja nur Fußspuren! Keine richtigen Knochen! Langweilig!?
Nein! Sowohl versteinerte Skelette als auch Fußspuren verraten den Wissenschaftlern wichtige Informationen zu Sauriern. Skelette eigenen sich zwar besser dazu, sich vorzustellen, wie der Saurier mal ausgesehen haben muss, aber Fußspuren liefern Hinweise darauf, wie die Tiere gelebt haben. Man sieht z.B. ob sie noch auf vier oder schon auf zwei Beinen gelaufen sind. Manchmal kann man sogar sehen, ob sie in einer Herde gelebt haben oder Einzelgänger waren.
So gehen die Forscher davon aus, dass die drei größeren Hardheimer Saurier in dem Moment, als die Fußabdrücke entstanden sind, Jagd auf die kleinen Lepidosaurier15 machten.
Das Besondere an den Hardheimer Fährten ist, dass man mehrere Fährten mit bis zu 16 Abdrücken gefunden hat, die es den Wissenschaftlern ermöglichten, neben der Fortbewerbungsart auch noch auf den Körperbau zu schließen. So konnte man z.B. aus den Fußspuren ableiten, dass sich die Beine wie bei z.B. Säugetieren unter dem Köper befanden und nicht wie bei Echsen seitlich vom Körper.16
Zusätzlich fand man heraus, dass der Boden zum Zeitpunkt, als die Saurier darauf liefen, sehr weich und formbar war. So sind die Schwereren der Hardheimer Dinosaurier-Vorfahren wohl bis zu 7cm in den Sand eingesunken.17
Für was brauchte der Ctenosauriscus sein Rückensegel?
Bei diesem Thema sind sich die Wissenschaftler sicher, dass es dem Ctenosauriscus beim zweibeinigen Laufen geholfen hat, das Gleichgewicht zu halten.18
Aber Achtung! Das trifft nicht auf alle Saurier mit Rückensegel zu. Andere Saurierarten könnten damit ihren Wärmeaustausch geregelt haben. Das heißt, wenn ihnen in den frühen Morgenstunden noch etwas kalt war, stellten sie sich mit dem Segel quer zur Sonne, um möglichst viel Wärme abzubekommen und somit aufzuwärmen.
Bei wieder anderen Saurierarten könnte das Segel den weiblichen Sauriern gefallen haben, je größer desto schöner. Somit kann es ein männliches Exemplar, ähnlich wie beim Pfau, zum Angeben bei der Damenwelt genutzt haben.18
Wenn ihr es bis hierher mit Lesen geschafft habt, wisst ihr jetzt schon ziemlich viel über die Hardheimer Saurier und wie man deren Spuren hoffentlich finden kann. Haltet also eure Augen offen und nicht gleich aufgeben! Auch Willi Hollerbach hatte schon lange vor diesem Fund an vielen Stellen nach Saurierspuren gesucht, die aber keine - zumindest keine eindeutigen - waren, dafür wurde er hier dann bestätigt.
Der Museumsverein Hardheim bedankt sich ganz herzlich bei Herrn Dr. Rolf Hollerbach und Herrn Dipl.-Ing. (FH) Frank-Otto Haderer für deren Unterstützung bei diesem Text, um somit hoffentlich viele, erfolgreiche Saurierfährtensucher auf den Weg zu schicken! 😊
- 1Vgl. Haderer, F.-O., Demathieu, G.R., Böttcher, R.: Stuttgarter Beiträge zur Naturkunde Serie B (Geologie und Paläontologie), Wirbeltier-Fährten aus dem Rötquarzit (Oberer Buntsandstein, Mittlere Trias) von Hardheim bei Wertheim/Main (Süddeutschland), Stuttgart 1995, S. 2
- 2Vgl. Maria Gehrig: Fränkische Nachrichten, Experten tippen nach neuen Funden auf Saurier, 17.10.1992
- 3Vgl. Haderer, F.-O., Demathieu, G.R., Böttcher, R., a. a. O., S. 3
- 4F.O. Haderer (persönliche Korrespondenz vom 20. April 2022)
- 5Hollerbach, Rolf, persönliches Gespräch, 12. März 2022
- 6Vgl. Ebel, K., Falkenstein, F., Haderer, F.-O.: Stuttgarter Beiträge zur Naturkunde Serie B (Geologie und Paläontologie), Ctenosauriscus koeneni (v. HUENE) und der Rauisuchier von Waldshut-Biomechanische Deutung der Wirbelsäule und Beziehung zu Chirotherium sickleri KAUP, Stuttgart 1998, S. 16
- 7Vgl. Maria Gehrig, Fränkische Nachrichten, Urlurch hinterließ in Hardheim seine Spuren, 30.09.1992
- 8Vgl. Maria Gehrig, a.a.O., 17.10.1992
- 9Vgl. Haderer, F.-O., Demathieu, G.R., Böttcher, R., a. a. O., S. 3, S. 1
- 10F.O. Haderer (persönliche Korrespondenz vom 21. April 2022)
- 11Vgl. F.-O. Haderer, FOSSILIEN 1/95, Chirotherium bei Wertheim, 1995
- 12Vgl. Ebel, K., Falkenstein, F., Haderer, F.-O.: a. a. O., S. 16
- 13F.O. Haderer (persönliche Korrespondenz vom 20. April 2022)
- 14F.O. Haderer (persönliche Korrespondenz vom 24. April 2022)
- 15Vgl. F.O. Haderer a. a. O., S. 10
- 16Hollerbach, Rolf, persönliches Gespräch, 12. März 2022
- 17Vgl. Haderer, F.-O., Demathieu, G.R., Böttcher, R., a. a. O., S. 3, S. 11
- 18Vgl. Haderer, F.-O. (2001): Neues vom Handtier. – FOSSILIEN 2001/3: 171-174; Weinstadt
- 19Vgl. Ebel, K., Falkenstein, F., Haderer, F.-O.: a. a. O., S. 5