„Zur Krönung heute mal linksherum!“

Herzlich Willkommen am Hofgut Breitenau! Es ist fast nicht zu glauben, dass so weit weg von Hardheim und so schön mitten in der Natur ein solcher Schatz zu finden ist. Die Lage und das Gebäude sind fast ein bisschen wie ein verwunschener Ort. Dass dieses Anwesen schon sehr alt und ehrwürdig sein muss, das kann man auch mit einem kurzen Blick erkennen. Man weiß zwar nicht genau, wann es gebaut wurde, aber auf jeden Fall war es 1206 schon bewohnt. Damit ist es mind. 300 Jahre älter als das älteste Gebäude in Hardheim, der Marstall, am Schlossplatz!

Und wer hier wohl schon alles gewohnt hat? Ritter? Prinzessinnen? Förster und Jäger?

Tatsächlich haben hier ursprünglich die Förster des Klosters Bronnbach gewohnt, die auf den Wald und die Jagd aufpassen mussten. Aber später haben den Besitz die Fürsten von Löwenstein-Wertheim bekommen und damit haben hier auch der Graf und die Gräfin Ballestrem gewohnt, die das Hofgut an ihre Kinder und Enkel vererbt haben. Und ob ihr’s glaubt oder nicht, die Gräfin Ballestrem war vor ihrer Heirat eine echte Prinzessin. Das ist doch wirklich spannend, oder? Da fehlt in der Reihe der Hoheiten eigentlich nur noch ein König oder Kaiser. Wenn ihr euch nun genau umschaut, dann könnt ihr neben der Kapelle beim Wohngebäude eine Statue entdecken. Mit seiner lockigen Perücke sieht er schon ganz nach einem Kaiser aus. Und tatsächlich – es ist ein Denkmal für Kaiser Karl VI. Aber was hat ihn denn nach Breitenau geführt?

Karl war als zweiter Sohn von Kaiser Leopold I. geboren worden. Weil er einen älteren Bruder hatte, konnte er nicht wie sein Vater Kaiser werden, da dieser Thron immer für den ältesten Sohn vorgesehen war. Aber für Karl hatte man eine andere Herrscheraufgabe gefunden: er wurde König von Spanien. Nachdem sein Vater gestorben war, war tatsächlich sein Bruder Kaiser geworden, aber dieser starb nach wenigen Jahren und so wurde Karl doch noch zum „Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ ausgerufen. Damit war er der mächtigste Mann in Deutschland. Und da ein Kaiser ja auch eine Krone braucht, sollte er am 22. Dezember 1711 in Frankfurt am Main zum Kaiser gekrönt werden.

Ein Problem gab es aber noch: Karl VI. war zu dem Zeitpunkt eben noch nicht in Frankfurt, sondern immer noch in Spanien oder auf dem weiten Weg von dort nach Deutschland. Klar brauchte er immer wieder Stationen zum Essen, zum Übernachten und zum Pferde wechseln. Deshalb schrieb er Briefe an die Adligen und Geistlichen, die entlang seines Reisewegs wohnten und informierte sie. Und so schrieb er auch dem Abt Josef Hartmann vom Kloster Bronnbach, zu dem das Hofgut Breitenau damals gehörte.

Karls Berater hatten sich also als Reiseroute den Weg von Tauberbischofsheim über das Kloster Bronnbach, Wertheim und Miltenberg nach Frankfurt am Main ausgesucht. So zumindest der Plan – seine Geleitmänner ritten aber sicherheitshalber immer voraus und schauten, ob der Plan denn auch so umsetzbar war, ob die Straßen ungefährlich, ohne Hindernisse und in gutem Zustand waren. Denn eine königliche Majestät reiste nie ohne seinen Hofstaat, so dass z.B. auch Speise- und Küchenwagen und Tafelporzellan und Silber dabei waren, die natürlich nicht kaputt gehen durften, aber auch die Reisegruppe, allen voran der Kaiser in seiner Kutsche, wollte auf guten Wegen reisen und nicht durchgeschüttelt werden. Und siehe da: aufgrund eines Unwetters waren die Straßen von Tauberbischofsheim nach Bronnbach so schlecht, dass sich die Boten des Kaisers entschlossen, den Weg über Külsheim, Steinfurt und dem Katzenbach entlang über die Breitenau nach Miltenberg zu nehmen.

In Bronnbach hatte man schon alles für den Empfang des künftigen Kaisers vorbereitet. Ihr könnt euch sicher denken, was für eine Hektik unter den Mönchen ausbrach, als gemeldet wurde, dass die kaiserliche Reisegesellschaft einen anderen Weg genommen hatte. Doch der Abt wollte seinen Kaiser trotzdem würdig empfangen und da das Hofgut Breitenau derzeit zum Kloster Bronnbach gehörte, hatte er einen Einfall. Er machte sich mit allen entbehrlichen Leuten vom Kloster auf den Weg zur Breitenau. Der Kaiser wollte gegen vier Uhr an der Breitenau sein. Damit der Zeitplan eingehalten und der Kaiser pünktlich empfangen werden konnte, musste Abt Josef den Bauernweg hinunter zur Breitenau für den Speise- und Küchenwagen wieder befahrbar machen lassen. Dafür ließ er Reisigbündel auf dem Weg verteilen. Außerdem veranlasste der Abt, dass die Wegstrecke mit Fackeln beleuchtet wurde, weil es im Dezember nachmittags um vier Uhr schon dunkel war. Ganz planmäßig fand dann tatsächlich der Empfang für Karl VI. statt.

Nach einer kleinen Stärkung bedankte sich der Kaiser für den erleuchteten Weg und auch für die Bemühungen den Weg befahrbar zu machen, obwohl der Silber- und Küchenwagen trotzdem wohl dreimal stecken geblieben sei. Die Reisegesellschaft verabschiedete sich, denn sie wollte am selben Abend noch weiter nach Miltenberg, wo sie im Gasthaus Riesen, den es heute übrigens immer noch gibt, übernachteten.

Nach Karls Krönung zum Kaiser am 22. Dezember 1711 ließ der Abt zum Gedenken an diesen besonderen Moment das lebensgroße Standbild von Kaiser Karl VI. am Hofgut Breitenau aufstellen. Schaut mal genau hin! Der Künstler hat hier sogar eine alte Narbe des Kaisers sowie die typische vorgeschobene Unterlippe, die sich in der Familie der Habsburger vererbt hat, verewigt. Auch ein Gedicht über das Treffen ist auf dem Sockel eingemeißelt worden. Probiert doch mal, ob ihr es lesen könnt! Es ist nicht ganz einfach, weil die Menschen damals noch keine einheitliche Rechtschreibung hatten und sich anders ausgedrückt haben. Aber bestimmt könnt ihr das Rätsel lösen!

Lösung:

Carolus ist passiert
von Barcelona als er marschiert
nach Frankfurt durch dies Tal
gekrönt zum Keyser nach der Wahl.
Darmb ihn hier verortnet hat
f. Josephus damals Praelat.
1711 13.Dez(ember)