Juna – die Freundliche
Hallo, mein Name ist Juna. Ich bin aber gar nicht im Juni geboren, sondern im Winter. Aber meiner Mutter hat der Name sehr gut gefallen. Sie liebt nämlich die Pflanze Goldnessel, die im Juni so herrlich blüht. Juna bedeutet „die Blühende“ oder aber auch „die Freundliche“. Und das bin ich auch, also meistens.
Wir befinden uns in der sogenannten La Tene Zeit, also vor ungefähr 2500 Jahren. Ich lebe hier mit meiner Familie in einem Dorf nahe bei dem Fluss, den ihr Erfa nennt.
Ich und meine Familie sind Bauern. Wir leben in einem einfachen Haus, das aus Holz besteht. Das Dach wird mit Schilf, Stroh und Gras gedeckt. Fenster wie ihr haben wir nicht. Die Wände sind aus Flechtwerk, die mit Lehm abgedichtet werden. Das macht mein Bruder Connor immer sehr gerne. Denn er liebt es, im Matsch zu spielen und sich dabei so richtig dreckig zu machen. Könnt ihr das verstehen?
In unserem Bauernhaus gibt es einen großen Raum, in dem unsere Familie zusammen isst, schläft und arbeitet. Dabei sitzen wir auf Fellen vor niedrigen Esstischen. Ein offenes Feuer liefert Licht und Wärme. Das Holz dafür müssen meine Brüder im Wald holen. Ich hingegen muss jeden Tag an die Erfa laufen und Wasser holen. Am Anfang tat mir immer fürchterlich der Rücken weh, weil die Wassereimer wirklich schwer sind. Aber mittlerweile bin ich größer und stärker geworden und bei schönem Wetter macht der Marsch an die Erfa sogar richtig Spaß. Bist du auch schon mal bei diesem kleinen Flüsschen gewesen?
Der Familienverband, wir sagen dazu Clan, ist uns sehr wichtig, denn er gibt uns Schutz und Sicherheit. Alle Familien unseres Dorfes helfen sich gegenseitig und bestellen gemeinsam das Land und teilen die Ernte. Der Clanführer sorgt dafür, dass alles gerecht zugeht. Wenn zwei sich streiten, ist er der Schiedsrichter.
Wir Frauen erledigen die Hausarbeit, füttern das Vieh, mahlen Getreide und backen Brot daraus. Aus der Wolle unserer Schafe spinnen wir Garn, um daraus Kleider weben zu können. Das mache ich überhaupt nicht gerne, weil einem da so schnell die Finger weh tun. Lieber webe ich. Oft beneide ich meine beiden Brüder, wenn sie mit den Männern auf die Jagd gehen dürfen oder Teller und Krüge töpfern. Das würde ich auch viel lieber machen, wie das blöde Spinnen. Connor macht natürlich die schönsten Krüge. Aber auch meine Brüder müssen hart arbeiten. Sie und die anderen Männer übernehmen die schweren Arbeiten auf dem Feld und hacken Holz. Mein Vater Finnegan ist der Schmied unseres Dorfes und stellt aus Eisenerz Werkzeuge und Waffen, aber auch Schmuck her. Von ihm habe ich zu meinem Geburtstag eine wunderschöne Brosche bekommen, die ich immer trage.
Unser Essen bauen wir selbst an. Auf den Feldern wachsen Gerste, Hafer und Roggen für unser Brot. Aus Gerste brauen wir auch Bier. In unseren Gärten bauen wir Bohnen, Erbsen, Zwiebeln und Linsen an. Kartoffeln und Tomaten kennen wir nicht. Auch Kakao und Schokolade gibt es bei uns nicht. Unsere einzige Süßigkeit ist Honig, aus dem wir Met, sogenannten Honigwein, herstellen.
Um nicht ständig jagen gehen zu müssen, halten wir Tiere. Sie liefern nicht nur Fleisch. Rinder und Ziegen geben Milch und aus der Haut kann man Leder machen. Melken tue ich nicht gerne. Wenn die Viecher nämlich keine Lust dazu haben, treten sie dich. Und das kann ganz schön weh tun. Einmal hat mich eine Ziege so arg getreten, dass ich einen großen blauen Fleck auf dem Oberschenkel hatte. Hast du schon mal versucht eine Kuh oder eine Ziege zu melken? Da mag ich die Pferde sehr viel lieber. Die müssen den Männern bei der Feldarbeit helfen und ziehen den Pflug und die Wagen. Das schönste Pferd hat natürlich unser Clanführer, der darauf reitet. Es ist schwarz und hat eine lockige Mähne.
Am leichtesten sind die Hühner und Gänse zu versorgen. Man bekommt nicht nur Eier und Fett, sondern auch schöne Federn. Aber bei den Gänsen muss man vorsichtig sein. Die können nämlich auch ganz schön schmerzhaft zubeißen. Fragt meinen Bruder Connor! Der wollte einer Gans mal eine schöne weiße Feder ausziehen und wurde so arg gebissen, dass er sogar blutete. Aber dank meiner Mutter ist die Wunde schnell verheilt. Aber als Erinnerung hat er eine kleine Narbe an der Hand.
In den großen dichten Wäldern sammeln wir Kinder Beeren und Pilze. Meine Mutter Moja sucht dort nach Kräutern, aus denen sie Tee und Medizin macht. Meine Mutter ist eine Heilerin, also sowas wie ein Arzt. Sie wird immer gerufen, wenn jemand krank wird und macht sie mit den Kräutern wieder gesund. Ich helfe ihr immer dabei und habe schon viel gelernt. So weiß ich schon, dass ein Tee aus Kamille gegen Bauchweh hilft und Spitzwegerich Husten lindert.
Nach uns Kelten besiedelten die Germanen die Gegend. Die Römer drangen bis nach Walldürn vor, wo sie den Limes, eine Mauer aus Baumstämmen, bauten, um sich vor den Germanen zu schützen. Der Stamm der Franken legte schließlich den Grundstein für den Ort, der heute Gerichtstetten heißt.