Konrad, der Pechvogel
„Wow! Ist der Turm hoch!“, denken sich sicher einige von euch, wenn ihr hier steht und einmal nach oben blickt. Das ist kein Wunder, denn der Turm ist 30m hoch! Allein die Mauer ist 2,1m dick, das bedeutet, dass sie dicker ist, als euer Papa groß ist! Und stellt euch vor, früher, also ganz früher, war er sogar noch höher! Denn oben auf dem Turm gab es noch eine Fachwerkhütte, in der ein Nachtwächter wohnte. Aber auch ohne den Fachwerkbau hat man von dort heute noch einen großartigen und vor allem weiten Blick in alle Täler rund um Hardheim und auf die Straßen, die von Bretzingen, Miltenberg oder Schweinberg kommen. Einige Male im Jahr ist der Turm offen oder kann bei einer Führung besichtigt werden. Wenn ihr wollt, könnt ihr ja mal selbst hochsteigen und die Aussicht genießen!
Vielleicht überlegt sich der ein oder die andere, wer wohl in diesem Turm gelebt haben könnte. So allein wie der Turm hier steht, könnte man fast meinen, dass es der Turm ist, in dem Rapunzel eingesperrt wurde. Aber Rapunzel war hier leider nicht. Im Mittelalter gab es um diesen Turm nämlich noch einen Herrensitz, also ein herrschaftliches Haus, in dem z.B. der Ritter der Burg lebte. Außerdem war diese Untere Burg, wie man sie nannte, von einer Mauer und einem Wassergraben umgeben. Der Wassergraben wurde befüllt von einem See, der zwischen dem Oberen Schloss und der Unteren Burg lag und das Wasser, das im Wassergraben des Schlosses überlief, sammelte. Findet ihr nicht auch, dass das eine tolle Konstruktion ist, vor allem wenn man sich überlegt, dass das schon über 600 Jahre her ist.
Irgendwann zu dieser Zeit, also um 1430, muss es auch gewesen sein, als Konrad IV. von Hardheim, von Beruf Ritter, hier, auf dieser Unteren Burg mit seiner zweiten Frau und seinen fünf Söhnen lebte. Vielleicht konnte er nicht so gut mit Geld umgehen oder er hatte es im Erbstreit mit einigen seiner Verwandten verloren. Auf jeden Fall weiß man, dass Konrad damals einiges von seinem Besitz, etwa Teile von Bretzingen und Waldstetten, verkaufen musste, um an Geld zu kommen. Außerdem wurden seine Söhne von seinen eigenen Großneffen, die hießen Raban und Hans, gefangen genommen und Konrad musste an Hans und Raban die Hälfte seiner Burg verpfänden. So ganz ritterlich haben sich die Neffen nicht verhalten, findet ihr nicht auch? Daher verwundert es uns auch nicht, dass bald zwielichtige Gestalten in der Burg auftauchten. Diese beschützten NICHT die Wehrlosen und sie hielten ihrem Herrn auch NICHT die Treue, wie man es von ordentlichen Rittern erwarten durfte. Nein! Sie überfielen und beraubten Untertanen des Würzburger Bischofs und steckten sogar deren Häuser in Brand. Sie waren wirklich ganz schlimme Raubritter.
Und das konnte der Bischof von Würzburg natürlich nicht durchgehen lassen und so schickte er einen Hauptmann mit 200 Reitern und zusätzlich noch viele weitere Männer zu Fuß nach Hardheim, um die Untere Burg zu stürmen. Natürlich war es nicht einfach eine Burg anzugreifen, die von einer Mauer und Wassergraben umgeben war. Außerdem waren die Raubritter ja auch nicht ganz dumm. Sie hatten doch den hohen Turm, von dem man von Weitem schon Angreifer erblicken konnte. Aber die Kämpfer des Bischofs mussten es schaffen, die Raubritter zu besiegen, damit die Leute keine Angst mehr von ihnen haben mussten. Und tatsächlich, der Hauptmann hatte sich einen Plan zurechtgelegt. Er wollte die Untere Burg so schnell wie möglich einnehmen und startet daher einen Überraschungsangriff. Er machte sich am frühen Morgen, als es noch dunkel war, mit seinen Männern von Schweinberg her auf den Weg. Straßenlaternen gab es ja noch keine und so waren sie durch die Dunkelheit geschützt. Sie hatten Pfeil und Bogen und einen Rammbock dabei.
Habt ihr schon einmal einen Rammbock gesehen? Man muss sich das vorstellen, wie einen Baumstamm mit einer eisernen Spitze. Dieser wurde von einigen starken Männer getragen und von ihnen immer wieder feste z.B. gegen eine Mauer gestoßen, um diese zum Einsturz zu bringen.
An der Burg in Hardheim angekommen rammten die Männer ihren Rammbock immer wieder gegen das Tor der Unteren Burg. Das war schlau, denn wie ihr euch vorstellen könnt, war das Tor im Vergleich zur Burgmauer viel leichter zu zerstören. Gleichzeitig schossen die Bogenschützen mit Feuerpfeilen über die Mauer, um das Dach des Burghauses in Brand zu setzen. Als das Tor zerbrach, stürmte der Hauptmann mit seinen Männern ins Innere der Burg. Dort probierten die Raubritter, aufgeweckt und aufgeschreckt von dem Lärm, den der Rammbock am Tor machte, sich mit dem Schwert zu verteidigen. Aber der Hauptmann hatte viel mehr Männer und so eroberte er die Burg und besiegte die Raubritter. Mehr als 15 Raubritter nahm er gefangen, fesselte sie und brachte sie nach Würzburg zum Bischof.
Konrad IV., der die ganze Zeit in seinem verbliebenen Teil der Unteren Burg neben den Raubrittern leben musste, freute sich zwar, diese los zu sein, aber seine Burg war stark beschädigt: das Tor zertrümmert, die Gebäude abgebrannt, die Vorräte weggebracht. Hier einfach weiterzuwohnen, war unmöglich. Die Burg wieder aufzubauen, dafür fehlte ihm das Geld. Der arme Konrad, er war dem Nervenzusammenbruch nahe. In seiner Not fragte er schließlich den Bischof von Würzburg, ob dieser den restlichen Teil der Unteren Burg, also das, was Konrad noch gehörte, haben wollte. Viel konnte er dafür nicht mehr fordern, er wollte eigentlich nur ein Dach über dem Kopf für sich und seine Frau und eine wöchentliche Rente als Art Taschengeld. Und wirklich! Anscheinend erregten Konrad und seine Frau Mitleid beim Bischof, denn er nahm das Angebot an. Und so kam es, dass Ritter Konrad IV. von Hardheim und seine Frau ihr Rentnerdasein auf einer viel größeren und bekannteren Burg verbringen durften als auf der Unteren Burg zu Hardheim. Zwar war er nicht der Burgherr und sie waren auch nicht alleine dort, aber wer von euch kann schon sagen, dass er auf der Festung Marienberg in Würzburg gewohnt hat? Ritter Konrad IV. und seine Frauen lebten dort. Es scheint, als ob Konrad am Ende doch noch Glück gehabt hat.
Nicht alles an der Geschichte ist so passiert. Könnt ihr erraten, was nicht?
- Ob der Hauptmann mit seinen 200 Reitern und Kämpfern damals wirklich frühmorgens von Schweinberg herkam und ob sie Feuerpfeile und einen Rammbock zur Erstürmung benutzten, ist nicht überliefert. Nur, dass die Untere Burg gestürmt und dadurch beschädigt wurde, ist u.a. im Heimatbuch „Hardheim“ auf S. 54 beschrieben.