Schächerstein – ein Ort krummer Geschäfte?
Hier mitten im Wald seid ihr an einer Stelle angekommen, von der man einen unglaublich weiten und ursprünglichen Blick hat. Das liegt sicher daran, dass es hier mit dem vom Wald umgebenen Tal vor 150-300 Jahren auch schon fast genauso aussah. Ihr denkt sicher, dass Rütschdorf der einzig vom Menschen belebte Ort in der Nähe ist. Heute ist das so, früher aber war es tatsächlich anders, da haben Menschen hier, direkt vor euch in diesen riesigen Steinen gelebt. Allerdings haben sie keine Geschäfte getrieben, sondern sich versteckt oder einfach hier gelebt, weil sie sonst keine Unterkunft hatten.
Da ist er also, der Schächerstein. Für unsere Region ist das zunächst nur eine einmalige Ansammlung von großen Steinen, die so angeordnet sind, dass sie zusammen tatsächlich eine Höhle ergeben. Leider hat man diese Höhle um 1916 zugeschüttet, weil man nicht wollte, dass sich dort Soldaten verstecken. Der Wohnraum war davor ca. 2-3 m2 groß oder besser gesagt klein, aber sie bot immerhin einer Person Platz. Im Laufe der Zeit haben nachweislich mehrere Leute nacheinander dort gewohnt. Zuletzt wohnte hier Johann Egid Eiermann von Höpfingen. Da seine Mutter nicht verheiratet war, als er 1830 geboren wurde, wurden Mutter und Sohn von den Leuten verachtet, so dass das Leben sicher nicht einfach für die beiden war. Trotzdem machte er eine Lehre als Schuhmacher und arbeitete außerdem noch als Zapfenpflücker, wofür er hoch in die Baumwipfel klettern musste. Daher kannte er sich in den Wäldern sehr gut aus. Trotzdem reichte das Geld, das er für die Arbeit bekam, nicht aus, um Essen zu kaufen und auch noch die Miete für eine Unterkunft zu bezahlen. Daher übernahm die Gemeinde Höpfingen die Mietkosten.
Wir befinden uns nun an einem schönen Sonntagmorgen um das Jahr 1850. Die Kirchenglocken läuten vom Kirchturm der Höpfinger Kirche und mahnen die Menschen, in den Gottesdienst zu kommen. In einiger Entfernung von der Kirche sitzt in alten, zerschlissenen Hosen und einem harzverschmierten Hemd Johann Ägidius Eiermann. „Guten Morgen, mein Herr, guten Morgen, schöne Dame“, ruft er vorbeilaufenden Kirchgängern zu und schwenkt seinen verbeulten Filzhut. Als ein paar Kinder an ihm vorbeirennen, ruft er sie zu sich und schenkt jedem von ihnen einen großen Fichtenzapfen. Als die Kirchenglocken verstummen, sind so gut wie alle Höpfinger in der Kirche versammelt. Langsam erhebt sich Johann Egid Eiermann und schaut sich vorsichtig um, ob vielleicht noch ein verspäteter Kirchgänger um die Ecke komme. Aber alles ist still. Gemächlich schlendert Johann Egid Eiermann durch die Gassen von Höpfingen. Da --- an einem Bauernhaus steht das Küchenfenster offen. Eiermann weiß, dass der Bauer vor drei Tagen geschlachtet hat und frische Würste in der Speiskammer hängen. Ein schneller Blick rechts – ein schneller Blick links und mit Schwung hinein in die gute Stube. Schnell hat Johann Egid die Speisekammer gefunden und steckt sich 4 dicke Würste in die Tasche. Der Rest der Küche und des Hauses interessiert ihn nicht. Bevor er ganz ordentlich das Haus durch die Eingangstüre verlässt, kramt er noch in seiner Jackentasche und zieht einen zerknitterten Zettel heraus und einen Stift und schreibt eine kurze Notiz, die er auf dem Küchentisch liegen lässt.
Als der Gottesdienst vorbei ist, ist Johann Egid Eiermann längst aus Höpfingen hinausgewandert. Die Bauersleute kommen nach Hause. „Heute hat der Herr Pfarrer wieder sehr schön gepredigt. Findest du nicht?“, sagt die Frau des Hauses. „Ja, ja, schon“, brummt der Mann, „aber mit seiner Nächstenliebe, das wird langsam langweilig.“ „Jetzt koch ich erst einmal die Kartoffeln und dann können wir um 12 Uhr pünktlich essen“, entgegnet die Frau und verschwindet in der Küche. „Mann! Komm schnell her! Beeil dich!“, schrillt auf einmal die Stimme der Hausherrin aus der Küche. „Er war da! Jetzt war er auch bei uns!“ „Wer? Von wem redest du?“, fragt der Bauer. „Der Johann Egid! Er hat wieder seine berühmte Nachricht „Eiermann war da!“ auf dem Küchentisch hinterlassen.“ „Ist der Braten etwa auch weg?“, sorgt sich der Bauer. „Nein, der schmort noch im Ofen“, antwortet seine Frau. „Es fehlen nur ein paar Würste“, ruft sie aus der Speisekammer. „Wenn er weiter nichts kaputt gemacht hat, dann gönn dem armen Burschen doch seine Beute“, beschwichtigt der Mann seine Frau.
Natürlich waren nicht alle Leute so großzügig, wenn sie bestohlen wurden, aber manche duldeten die Diebstähle, weil er auch dann und wann für sie arbeitete.
Als er im April 1861 nach seinem Gefängnisaufenthalt nach Höpfingen zurückkehrt, wird er unter Polizeiaufsicht gestellt. Damit hatte die örtliche Polizei die Aufgabe Johann Egid Eiermann genau zu kontrollieren und sofort zu melden, wenn er z.B. wieder etwas stahl. Das war mit einer Menge Aufwand verbunden, wie ihr euch denken könnt. So kam es, dass die Gemeinde Höpfingen, um ihn loszuwerden, seine Überfahrt nach Amerika bezahlte. Sogar der Bürgermeister selbst begleitete ihn in der Kutsche und anschließend im Schiff nach Mannheim, von wo er selbstständig weiterreisen sollte. Allerdings kam Johann Egid Eiermann in Amerika nicht an, denn kurze Zeit später war er wieder in Höpfingen.
Was hat nun der Schächerstein mit Johann Egid Eiermann zu tun? Im Schächerstein versteckte sich Eiermann immer mal wieder, wenn er auf der Flucht vor der Polizei war. Es gab hier einige Vorteile: zum einen mieden die Leute diese Gegend, weil sie nicht wussten, wer sich in der Gegend so aufhält, zum anderen ist er nur schwer zu erreichen und dann liegt der Schächerstein auch nur ein paar 100m von der bayerischen Grenze entfernt, wohin Eiermann der Polizei des Öfteren entkommen konnte, zumal er als Tannenzapfensammler einige Übung im Klettern hatte, was ihm sicher half, schnell vor der Polizei zu entkommen.
Noch eine lustige Geschichte von Johann Egid Eiermann?
Eiermann saß eines schönen Tages in Tauberbischofsheim in einem Gasthaus, als die Türe aufging und ein Polizist hereinkam. Er schaute sich mit strengem Blick in der Gaststube um und musste feststellen, dass nur eine Hand voll Gäste an den Tischen saß. Langsam und mit schwerem Schritt stolzierte er zu einem der Tische, an dem ein älteres Ehepaar saß. „Entschuldigen Sie bitte die Störung! Sind Sie zufällig aus der Gegend?“, fragte er die beiden. „Nein, wir kommen aus Köln und sind hierher gekommen, um uns das schöne Örtchen anzuschauen“, entgegnete die Frau. „Das interessiert doch den Herrn Wachtmeister nicht“, zischte der Mann zu ihr herüber. „Können wir Ihnen trotzdem helfen, Herr Wachtmeister?“, fragte der ältere Herr. „Nein. Bitte entschuldigen Sie noch einmal die Störung, aber wenn Sie nicht aus der Gegend sind, können Sie mir nicht helfen“, sprach der Polizist und ging zum nächsten Tisch, aber auch dort konnte man ihm offenbar nicht weiterhelfen. Schließlich kam er zu dem Tisch, an dem Johann Egid Eiermann gerade seinen Teller leer gegessen hatte. „Entschuldigen Sie bitte“, sagte der Polizist, „Sie kommen nicht zufällig aus der Gegend?“ „Doch“, murmelte er mit vollem Mund. „Ach, das ist ja toll, woher kommen Sie denn?“ „Aus Bretzingen“, schummelte Eiermann. „Dann kennen Sie doch bestimmt den Eiermann aus Höpfingen?“, fragte der Wachtmeister weiter. „Ja sicher“, entgegnete Johann Egid, „der ging eben grad hinaus.“ Und so entging Johann Egid Eiermann einmal mehr einer Verhaftung.