Ricke – racke – ricke – racke, geht die Mühle mit Geknacke (W. Busch)

An dieser Station, der Steinemühle, sind wir an einem Ortsrand von Hardheim angekommen. Während sich die anderen Ortsränder verschoben haben und sich Hardheim zum Beispiel Richtung Rüdental noch immer weiter ausdehnt, ist die Ortsgrenze hier schon seit dem Mittelalter, also seit 700 Jahren unverändert. In einem Vertrag aus dem Jahr 1322, in dem Ritter Reinhard II. von Hardheim und sein Neffe Walter Grundstücke mit Gebäuden vom Bischof von Würzburg als Lehen (also erbliches Nutzungsrecht mit der Verpflichtung den Lehnsherrn bei Bedarf militärisch und politisch zu unterstützen) bekamen, wird diese Mühle als „Mühle genannt zur Steinbrücke“ erwähnt. Heute sind wir natürlich froh, dass wir eine Mühle direkt vor unserer Haustüre haben, bei der man leckere und unverfälschte Naturprodukte kaufen kann, aber vor Jahrhunderten wurden die Müller nicht so gerne gemocht, man hielt sie für Faulpelze und Betrüger. Deshalb wollte damals auch niemand in die Nachbarschaft einer Mühle ziehen, so dass eben die Ortsgrenze hier erhalten blieb.

Wir versetzen uns ins Jahr 1320. Ein junger Müller, der nach Jahren der Lehrwanderschaft nach Hause gekommen ist und endlich seine Freundin heiraten konnte, stürmt in die Küche seiner Schwiegereltern und ruft voller Aufregung: „Getriuwêliche wîp, wellen wir nemen ze lehen diu niuwe mûl, diu bî der steinîn brucke ze Hardheim?“ --- Entschuldigt bitte, das war jetzt noch mittelhochdeutsch, die Sprache, die man damals gesprochen hat. ---

So noch einmal… Der junge Müller stürmt also in die Küche seiner Schwiegereltern und ruft voller Aufregung: „Liebe Frau, wollen wir die neue Mühle, die bei der Steinernen Brücke in Hardheim, pachten?“

„Wie? Welche neue Mühle in Hardheim?“, fragt seine überraschte Ehefrau.

„Siegmund, du weißt schon, der mit mir auf der Walz, also auf Lehrwanderschaft, war, der ist heute durch unser Dorf gekommen, wir haben uns zufällig am Marktplatz getroffen, und der hat mir erzählt, dass in Hardheim eine neue Mühle gebaut wurde, stell dir vor, ganz modern, nicht nur aus Holz, sondern mit einem steinernen Sockel. Und dort wird noch ein Müller gesucht, der die Mühle betreiben will. Wäre das nichts für uns? Was meinst du?“, drängte der junge Müller.

„Du weißt, dass ich nur ungern so abseits des Dorfes leben möchte“, gab die junge Frau zu bedenken.

„Ich weiß, meine Liebe“, versuchte der junge Mann seine Frau zu trösten, „aber in Hardheim fließt die Erfa gar nicht so weit vom Dorf entfernt vorbei. Und es gibt noch mehr Mühlen, so dass die Bauern wegen des Mühlenzwangs gar nicht so weit anfahren müssen.“

„Das ist wirklich eine blöde Erfindung“, warf der Schwiegervater, ein stattlicher Mann, von Beruf Schmied, ein. „Wenn die Pferde erst noch einen bestimmten Schmied anlaufen müssten, wenn ihnen das Hufeisen abgefallen ist, na die würden sich bedanken. Aber ihr Müller schreibt mit dem Mühlenzwang den Bauern vor, welche Mühle ihr Getreide mahlt, ts ts ts!“

„Moment mal, nicht wir schreiben das vor, sondern die Landesherren, denen die Gebiete gehören!“

„Das macht es nicht besser!“, murmelt der alte Schmied.

„Ist doch auch egal“, wirft die Schwiegermutter ein. „Wie viele Mühlen gibt es denn in Hardheim?“

„An der Erfa entlang schon ein paar“, erklärt der Jungmüller.

„Sind die Müller dort auch anständig?“, fragt die Mutter, „Die Leute sind sowieso schon misstrauisch den Müllern gegenüber, halten alle für gierige Betrüger, und wenn deine Kollegen dann auch noch unehrlich arbeiten würden, macht es das nicht besser!“

„Immer diese blöden Vorurteile!“, wirft die Müllersfrau verärgert ein. „Als ob alle Müller immer nur ihren eigenen Vorteil im Kopf hätten, als ob sie den Bauern das grobe Mehl geben und das fein gemahlene selbst behalten würden. Denkt vielleicht auch mal jemand daran, dass manche Bauern betrügen. Es ist doch klar in der Mühlenordnung geregelt, wieviel vom Mehl dem Müller als Lohn zusteht.“

„Nun reg dich doch nicht so auf!“, versuchte der Vater seine Tochter zu beruhigen, „Mancher versteht halt nicht, wenn er 4 Sack Korn anliefert, dass er dann nur 3 Sack Mehl bekommt, weil die Körner kleingemahlen wurden. Und wenn dann von diesen 3 Sack Mehl auch noch der Lohn für den Müller abgezogen wird, dann denkt sich der Bauer halt, der Müller betrügt.“

„Oder dass die Mühle auch am Sonntag laufen darf, damit der Mahlvorgang nicht unterbrochen wird, wenn die ganzen Bauern ihr Getreide zur Erntezeit bringen, das ist für viele Leute eine Gotteslästerung“, wirft die Mutter ein.

„Und deswegen behaupten sie auch, dass wir mit dem Teufel im Bund stehen würden“, ergänzt der Jungmüller mit einem Augenzwinkern. „Du kennt doch den Spruch »Das Müllerleben hat Gott gegeben, doch das Mahlen des Sonntags und in der Nacht, das hat der Teufel hinzugebracht«.“

„Können wir nun aber noch einmal zu der Mühle in Hardheim kommen?“, will die junge Frau wissen. „Schließlich könnte es hier um unsere Zukunft gehen!“

„Also, noch einmal die wichtigsten Informationen: die Mühle in Hardheim ist neu gebaut und mit dem steinernen Sockel hochwertig ausgeführt. Sie liegt nicht zu weit vom Dorf entfernt an der Erfa, die immer genug Wasser führt, sonst gäbe es nicht so viele andere Mühlen an diesem Bach. Die Kollegen scheinen auch anständig und ehrlich zu sein. Da die Erfa im Tal fließt, kann das Mühlrad nicht oberschlächtig, aber immerhin mittelschlächtig betrieben werden.“

„Wie war das nochmal mit den verschiedenen Antriebsarten?“ fragt die Frau des Schmieds dazwischen.

„Pass auf, Mutter“, fängt der Müller an, „das ist ganz einfach: beim oberschlächtigen Antrieb fällt das Wasser von oben auf die Schaufeln des Mühlrades und treibt es an; beim unterschlächtigen Antrieb fließt das Wasser von unten an die Schaufeln heran und dreht das Rad – und beim mittelschlächtigen liegt der Wasserzufluss auf mittlerer Höhe. Da das Wasser in Hardheim nicht von einem Berg herabfließt, geht das oberschlächtige Wasserrad nicht. Das unterschlächtige geht gut, aber das mittelschlächtige ist das beste, da es unabhängig vom Wasserstand immer in die Schaufeln fließt und damit die Mühle antreibt.“

„Ich habe genug gehört, ich habe mich entschieden“, ruft die junge Müllersfrau in die Unterhaltung, „Lass uns die Mühle an der Steinernen Brücke pachten! Sie wird unsere »Steinemühle«“, vollendet sie voller Stolz.

So kam es, dass die Steinemühle als Lehen vergeben wurde. 1686 kaufte dann Johann Adam Müller die „Steinerne Mahlmühle“ dem Würzburger Fürstbischof ab, so dass sie als sein Besitz bis heute in seiner Familie vererbt werden konnte.

Die Steinemühle ist mittlerweile die einzige von einst 17 Mühlen am Flusslauf der Erfa, zwischen Gerichtstetten und dem Hofgut Breitenau, die heute noch in Funktion ist. Ein paar Mühlen wurden abgerissen, aber immerhin 11 Mühlen sind als Gebäude noch erkennbar. Bei der Lindenmühle erinnert immerhin noch der Mühlkanal an die 1897 abgebrannte Mühle. Wenn ihr auch die anderen Mühlen anschauen wollt, dann fahrt oder wandert einfach den „Hardheimer Mühlenweg“, der an allen Mühlen vorbeiführt.

Der junge Müller erklärte seiner Familie den Antrieb eines Mühlrads. Könnt ihr euch vorstellen, warum die Erfindung eines wasserbetriebenen Mühlrads für einen Mühlbetrieb so wichtig war? (kleiner Tipp: fragt doch mal in der Mühle nach, ob ihr ein paar Körner Getreide bekommt und mahlt es mit dem kleinen Mühlstein neben dem Eingang zur Mühle!)

Lösung:

Durch die wasserbetriebenen Mühlräder musste der Mühlstein nicht mehr durch Muskelkraft von Menschen oder Tieren angetrieben werden. Das erleichterte die Arbeit der Müller sehr und erhöhte gleichzeitig auch die Mahlleistung, da die Wasserkraft um einiges höher als die Muskelkraft ist.